Es gibt Orte, an denen sich soziale Wirklichkeit besonders deutlich verdichtet. Die Kitzbüheler Alpen gehören dazu. Skiferien sind heute ein Luxus, auch dann, wenn man sie vergleichsweise bescheiden organisiert – mit einer Ferienwohnung statt eines Fünf‑Sterne‑Hotels, mit Selbstverpflegung statt Gourmetmenüs. Und doch bleibt man Teil eines Systems, in dem innerhalb weniger Tage Summen ausgegeben werden, die für andere Menschen dem Monatsbudget entsprechen.
Wenn ich sehe, dass Hotels hier Preise von über 1.000 Euro pro Nacht aufrufen, stellt sich mir immer wieder dieselbe Frage: Wie viele Menschen können sich das leisten, ohne es zu spüren? Ich verdiene gut. Aber 1.000 Euro pro Nacht wären für mich keine beiläufige Größe. Sie würden sich bemerkbar machen. Um das nicht zu tun, müsste ich über ein Vermögen verfügen, das weit über das hinausgeht, was man durch Arbeit allein erreicht – mehrere Millionen, vermutlich mehr.
Gleichzeitig ist mir bewusst, dass auch unser eigenes Ausgabeverhalten für viele bereits unvorstellbar ist. Ob 50 oder 100 Euro mehr oder weniger – wir spüren das kaum. Für andere entscheidet genau dieser Betrag darüber, ob der Wocheneinkauf gelingt. Ich kenne diese Erfahrung. Ich gehörte einmal selbst zu denen, für die zehn Euro eine relevante Größe waren.
Ein Bild aus meiner Studienzeit begleitet mich hierzu bis heute. Ich hatte eine gefüllte Obstschale auf dem Tisch stehen. Und ich nahm mir vor: Wenn es je so weit kommt, dass ich mir nicht einmal mehr diese Äpfel leisten kann – als mein eigener kleiner Luxus – dann bin ich wirklich arm, aber nicht vorher. Ich war mehrmals nahe an diesem Punkt. Und dann wendete sich die Lage wieder.
Diese biografische Linie wird besonders scharf, wenn man ihre Extreme betrachtet. Während meines Studiums absolvierte ich eine Famulatur bei einem Allgemeinmediziner, der einmal pro Woche in einem Bauwagen in der Stadt obdachlose Menschen kostenlos behandelte. Ich durfte ihn dabei begleiten. Die Würde, mit der er diesen Dienst tat – und die Verletzlichkeit der Menschen, die kamen – haben sich mir tief eingeprägt.
Zur gleichen Zeit finanzierte ich mein Studium durch Arbeit in einer Kurklinik, die vornehmlich Adelige behandelte. Das war kein Zufall: Die Eigentümer, der Chefarzt und seine Frau, stammten selbst aus dem Adel, sie sogar aus dem Hochadel. Zwischen Bauwagen und Kurklinik lagen Welten – und doch gehörten beide zu meinem Alltag. Ich selbst, mit einer Herkunft aus der einfachen Arbeiterschicht.
Diese Spannung setzt sich bis heute fort. Auch meine Kinder haben Freunde, in deren Familien die Entkopplung vom eigenen Geld in einem gewissen Maß stattgefunden hat. Ich glaube von mir sagen zu können, dass ich unsere Art zu leben auch dann beibehalten würde, wenn wir sehr reich wären. Und doch frage ich mich, ob es nicht eine Grenze gibt, die ich als Bildungsaufsteiger kaum überschreiten kann.
Mein Bildungsweg hat mich an dessen formale Spitze geführt. Aber ökonomisch bleibt eine andere Logik wirksam. Mein Wohlstand ist arbeitsbasiert. Er ist verknüpft mit Zeit, Leistung, Verantwortung. Er ist nicht entkoppelt.
Ein Freund von mir, ebenfalls Bildungsaufsteiger aus dem Arbeitermilieu, geht heute sehr viel freier mit Geld um. Spontane Luxusanschaffungen, ein Restaurantbesuch für 500 Euro – für ihn scheint das emotional keine große Hürde zu sein. Für mich ist es eine. Ich spüre dabei etwas wie Loyalität gegenüber meiner Herkunft. Fast so, als würde ich jemanden verraten, der früher ich selbst war – oder die Menschen, für die der Wocheneinkauf nicht mehr als 50 Euro kosten darf.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb ich niemals wirklich reich werde. Oder anders gesagt: Vielleicht könnte ich es nur werden, wenn ich mir selbst einen Schwur abnähme – niemals diese Grenze zu vergessen. Nicht als moralische Pose, sondern als innere Orientierung. Reichtum mag entkoppeln. Erinnerung tut es nicht.
Ein weiterer Gedanke kam in einem Gespräch mit meiner Frau hinzu. Er erweist sich mir als erstaunlich grundlegend. Selbst wenn wir in jene obere gesellschaftliche Schicht gelangen würden, von der hier die Rede ist, würde sich unser sozialer Radius drastisch verengen.
Der Freundeskreis, aus dem man wählen kann, wird mit steigendem Wohlstand nicht größer, sondern kleiner. Heute haben wir Freunde, die finanziell schlechter gestellt sind, und andere, denen es finanziell besser geht als uns. Diese Durchlässigkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck von Freiheit. Wir können mit den einen ein Picknick machen und mit den anderen in ein Restaurant gehen, ohne jemanden zu beschämen oder selbst beschämt zu werden. Ohne abgehängt zu sein – und ohne andere abzuhängen.
In einem stark entkoppelten Wohlstand wäre das kaum mehr möglich. Viele der Menschen, die uns heute begleiten, würden schlicht nicht mehr kompatibel sein – nicht aus mangelnder Zuneigung, sondern wegen der alltäglichen Praktiken des Lebens: Urlaube, Einladungen, Freizeitgestaltung. Umgekehrt würden neue soziale Kreise entstehen, in denen wiederum andere Selbstverständlichkeiten gelten, denen wir uns anpassen müssten.
Reichtum würde uns damit nicht nur Freunde nehmen. Er würde uns eine Form von Beweglichkeit rauben, die wir heute besitzen. Die Freiheit, uns zwischen Welten zu bewegen, ohne uns ganz zu verlieren.
Vielleicht ist genau das ein unterschätzter Wert des Dazwischen-Seins: nicht arm, nicht wirklich reich – aber verbunden.
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