Es ist eine merkwürdige Zeit: Wir arbeiten so viel wie nie zuvor – und doch wissen viele Menschen nicht mehr genau, wofür sie es tun. Tage, Wochen, Jahre gefüllt mit Mails, Besprechungen, Formularen und Strategien, die kaum jemand hinterfragt. Millionen von Menschen beschäftigen sich damit, Prozesse zu warten, Regeln zu befolgen, Berichte zu schreiben, deren Sinn sich irgendwann in sich selbst verliert. Manchmal scheint es, als hätten wir eine ganze Zivilisation erschaffen, deren Hauptaufgabe darin besteht, sich selbst am Laufen zu halten.
Der Anthropologe David Graeber nannte solche Tätigkeiten "Bullshit Jobs" – Arbeiten, die selbst die Ausführenden für überflüssig halten. Er meinte damit nicht Menschen, die nichts tun, sondern solche, die ständig etwas tun, das eigentlich niemand braucht. Empfangsdienste, die nur existieren, damit jemand „da“ ist. Manager, die Meetings abhalten, um Meetings zu planen. Mitarbeiter, die Berichte schreiben, die andere Mitarbeiter auswerten, die wiederum Berichte darüber schreiben.
Das Tragische: Viele wissen um die Sinnlosigkeit – aber sie bleiben, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. Denn Arbeit ist längst mehr als Broterwerb. Sie ist Identität, sozialer Kitt, Lebenssinn. Ohne sie scheint Leere zu drohen.
Der Soziologe Niklas Luhmann hätte gesagt: Das System beschäftigt sich mit sich selbst. Regeln erzeugen neue Regeln. Kontrolle braucht Kontrolleure. Die Welt wird nicht einfacher, sondern komplizierter – und mit jeder neuen Komplexität entstehen neue Rollen, die sie verwalten.
So wird Arbeit zur Wartung der Welt. Wir warten Maschinen, Programme, Projekte – und inzwischen auch uns selbst: durch Selbstoptimierung, digitale Routinen, Achtsamkeitstracker. Ein Leben zwischen Produktivität und Protokoll.
Die Philosophin Hannah Arendt unterschied einst zwischen drei Formen des Tuns: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Arbeiten dient dem Überleben, Herstellen schafft Dinge, aber Handeln – das ist der Moment, in dem wir frei werden, in Beziehung treten, etwas wirklich Neues in die Welt bringen. Doch je effizienter unsere Gesellschaft wird, desto mehr verschwindet genau dieses Handeln. Wir arbeiten und arbeiten, aber kaum jemand handelt noch. Wir reagieren, statt zu gestalten. Wir erfüllen Prozesse, statt Entscheidungen zu treffen. Wir leben in Bewegung, aber ohne Richtung.
Und nun kommt die künstliche Intelligenz. Sie kann vieles von dem übernehmen, was Menschen jahrzehntelang getan haben: planen, schreiben, vergleichen, prüfen. Vielleicht sogar besser. Das ist beeindruckend – und beunruhigend zugleich. Denn sie zwingt uns, eine unbequeme Frage zu stellen: Was bleibt vom Menschen, wenn seine wichtigsten Tätigkeiten sich als Wartung selbstgeschaffener Strukturen entpuppen?
Vielleicht ist das die tiefere Aufgabe der KI – nicht, uns zu ersetzen, sondern uns zu entlarven. Sie zeigt uns, dass wir viele Probleme nur erfunden haben, um beschäftigt zu bleiben.
Seit Jahrhunderten sehen wir uns selbst als Homo faber – den Menschen, der die Welt gestaltet, indem er sie bearbeitet. Wir bauen, organisieren, strukturieren, verbessern. Doch mit jeder neuen Maschine, mit jeder neuen Regel haben wir die Welt nicht nur geformt, sondern uns selbst in ihr verstrickt. Der Mensch als Schöpfer wurde zum Wartenden seiner eigenen Schöpfung.
Der Kulturhistoriker Johan Huizinga stellte dem den Homo ludens gegenüber – den spielenden Menschen. Ein Wesen, das nicht arbeitet, um zu überleben, sondern spielt, um zu leben. Spiel bedeutet dabei nicht Beliebigkeit, sondern jene Haltung, in der Kreativität, Freude und Sinn zusammenfallen. Im Spiel handeln wir frei, experimentieren, entdecken Möglichkeiten, ohne dass jemand den Zweck vorgibt.
Vielleicht ist es genau das, was die Zukunft braucht: eine Rückkehr des ludischen Menschen – nicht als kindische Flucht aus der Realität, sondern als bewusste Entscheidung, das Leben wieder als schöpferischen Raum zu begreifen. Ein Raum, in dem Arbeit wieder Spiel sein darf, und Spiel wieder ernst genug, um die Welt zu verändern.
Doch gerade darin liegt eine Chance. Wenn Maschinen jene Aufgaben übernehmen, die niemand aus Überzeugung getan hat, könnte Raum entstehen – Raum für das, was wirklich zählt. Vielleicht lernen wir wieder zu handeln im arendtschen Sinn: nicht, weil wir müssen, sondern weil wir wollen. Nicht, um Prozesse zu erfüllen, sondern um Bedeutung zu schaffen. Wir könnten die Welt nicht länger warten, sondern gestalten. Nicht mehr im Leerlauf des Systems, sondern im Strom des Lebens. Pflege statt Kontrolle. Bildung statt Beschäftigung. Gestaltung statt Verwaltung.
Die Moderne hat uns gelehrt, dass Arbeit Würde verleiht. Aber vielleicht besteht die Würde des Menschen nicht darin, beschäftigt zu sein, sondern darin, frei zu handeln, zu denken, zu schaffen.
Wenn die KI uns die sinnlosen Aufgaben abnimmt, könnte sie damit das Wertvollste ermöglichen: Zeit für das, was wirklich menschlich ist – Begegnung, Verantwortung, Kreativität, Fürsorge.
Dann beginnt eine neue Epoche: nicht die des arbeitenden Menschen, sondern die des handelnden Menschen. Ein Zeitalter, in dem wir nicht mehr die Wartung der Welt betreiben, sondern endlich wieder Teil der Welt selbst sind.
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