Bevor der Befund vorliegt

Veröffentlicht am 17. Januar 2026 um 15:04

Ich saß mit einem sehr guten Freund am gestrigen Abend im Pub.
Volle Tische, Gespräche, Lachen, Gläser, Bewegung. Nichts Außergewöhnliches. Und doch fiel mir etwas auf, das ich so bislang nicht kannte. An fast jedem Tisch stand vor einzelnen Personen ein ganzer Pitcher Bier. Nicht einer zum Teilen, sondern jeweils einer pro Kopf. Man trank daraus, stellte das Glas ab, bestellte nach. Zwischendurch kamen Tabletts mit hochprozentigen Shots vorbei. Alles wirkte gesellig, funktionierend, routiniert.

Ich kenne den Pitcher anders. Als etwas, das man teilt. Zwei oder mehrere Gläser, gegenseitiges Einschenken, ein kleiner gemeinsamer Rhythmus. An diesem Abend tranken wir selbst keinen Pitcher. Aber gerade weil ich diese andere Bedeutung kenne, wirkte das Bild fremd. Vertraut in der Form, verschoben im Sinn.

Irgendwann änderte sich meine Perspektive. Es war kein Bruch, eher ein sanftes Herausgleiten. Als stünde ich plötzlich etwas erhöht, wie auf einem Rang im Theater. Die Szene vor mir wirkte nun wie ein Schauspiel, leicht entrückt, leicht zeitlos. Menschen sprachen miteinander, lachten, bestellten Getränke. Nichts war still, nichts war leblos. Und doch hatte alles etwas Choreografisches. Wiederholungen. Gleiche Gesten. Gleiche Abläufe. Als würde hier ein Stück gespielt, das jeden Abend aufgeführt wird und dessen Text niemand mehr hinterfragt.

Je länger ich hinsah, desto weniger erschien mir der Pub als Ort des Feierns. Er erinnerte mich an etwas anderes: an einen Warteraum. An jene nüchternen, hell erleuchteten Räume in Krankenhäusern, in denen man sitzt, spricht, vielleicht Kaffee trinkt, auf sein Handy schaut – während man innerlich bereits jeden möglichen Befund einkalkuliert hat. Entwarnung oder schlechte Nachricht. Nichts ist sicher, aber auch nichts mehr undenkbar. Man ist da, man funktioniert, man überbrückt Zeit.

In diesem Licht bekam auch der Pitcher eine neue Bedeutung. Nicht mehr als Symbol von Gemeinschaft, sondern als private Dosis. Wie ein Beruhigungsmittel in niedriger Konzentration. Nicht, um zu vergessen, sondern um das Warten erträglicher zu machen. Nicht Exzess, sondern medikamentöse Selbstregulation.

Unwillkürlich musste ich an die Lotusesser denken, denen Odysseus auf seiner Reise in Homers Odyssee begegnet. Sie werden nicht gezwungen. Sie werden nicht berauscht im wilden Sinn. Sie essen, sie reden, sie bleiben. Was sie verlieren, ist nicht der Verstand, sondern der Wille zur Rückkehr. Die Fähigkeit, aufzubrechen. Sie verharren in einem Zustand sanfter Einverständigkeit.

Vielleicht ist das kein fernes mythologisches Motiv, sondern ein Spiegel unserer Zeit. Wir leben in einem dauerhaften Krisenmodus. Schlechte Nachrichten sind nicht mehr die Ausnahme, sondern das Grundrauschen. Klimakrise, Kriege, ökonomische Unsicherheiten, politische Radikalisierung. Eine weltpolitische Destabilisierung, in der Macht an vielen Orten von Akteuren ausgeübt wird, die bereit sind, Risiken einzugehen – deren Folgen sie selbst nicht tragen werden. Es ist kein konkretes Untergangsszenario, das sich aufdrängt. Sondern etwas Diffuseres: die Erwartbarkeit des Schlimmsten. Wenn morgen etwas angekündigt würde – es käme kaum für jemanden überraschend.

Vor diesem Hintergrund erscheint Betäubung nicht als moralisches Versagen, sondern als verständliche Reaktion. Wer glaubt, nichts Grundlegendes mehr ändern zu können, sucht Wege, die Gegenwart erträglich zu halten. Man wartet. Man spricht. Man lacht. Man sorgt für die eigene Dosis. Man hat das Vertrauen in die Selbstwirksamkeit aufgegeben.

Und doch merkte ich an diesem Abend etwas Klareres bei mir selbst. Je länger ich diese Szene beobachtete, desto weniger Lust hatte ich zu trinken. Nicht aus Abgrenzung, nicht aus Urteil. Sondern aus einem inneren Entschluss. Ich wollte nicht betäubt im Warteraum sitzen, bevor überhaupt ein Befund vorliegt. Wenn wir schon warten müssen, dann möchte ich wach bleiben.

Wach bleiben heißt nicht, keine Angst zu haben. Es heißt auch nicht, optimistisch zu sein. Es heißt nur, anwesend zu bleiben. Handlungsfähig. Offen. Selbst im Angesicht eines möglichen Untergangs.

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