„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz
Man kennt diesen Satz. Vielleicht zu gut. Er taucht in Kalendern und Karten auf, wird oft zitiert, fast abgenutzt. Und doch – wenn man ihn langsam liest, ohne ihn gleich zu kennen –, öffnet sich darin ein stilles Paradox: Wir sehen unaufhörlich, aber wir erkennen selten. Was wirklich zählt, entzieht sich dem Blick. Vielleicht gilt das heute mehr denn je.
Neulich im Gym. Zwei Männer unterhalten sich neben mir, während sie die Hanteln ablegen. Der eine sagt beiläufig: „Online kennst du die Leute ja gar nicht wirklich. Du siehst nur ein Bild.“
Ein Satz wie aus Versehen gesagt, zwischen Schweiß, Musik und dem Klirren der Geräte — und doch blieb er hängen. Denn er trifft etwas, das mich seit Langem beschäftigt: Wir begegnen uns immer seltener wirklich. Wir sehen einander — und doch sehen wir nicht den Menschen, sondern nur ein Abbild.
Im Online-Meeting ist es besonders spürbar. Da ist ein Gesicht auf einem Bildschirm, die Lippen bewegen sich, die Stimme klingt vertraut — und doch ist es, als spräche man mit einer leeren Hülle. Selbst wenn man jemanden oft online gesehen hat, erkennt man ihn kaum wieder, wenn man ihm das erste Mal leibhaftig begegnet. Etwas fehlt. Etwas, das sich nicht digital übertragen lässt.
Menschen, die ich wirklich kenne, erkenne ich sofort, selbst aus großer Entfernung, inmitten einer Menge. Da geschieht etwas, das keine Kamera und kein Mikrofon erfassen kann: Präsenz. Bewegung. Schwingung. Es ist, als würde der Körper selbst sprechen — ohne Worte, ohne Absicht.
Online dagegen sind wir nur noch Signal. Es ist nicht meine Stimme, die übertragen wird, sondern eine Folge elektrischer Impulse. Es bin nicht ich, der da erscheint, sondern ein Schatten meiner selbst. Eine Repräsentation – eines jener Trugbilder, von denen englische Philosoph Francis Bacon sprach. Ein Foto eines Autos ist nicht das Auto. Eine Speisekarte ist nicht die Speise selbst. Ein Bild von mir bin nicht ich.
Und doch: Wir bemühen uns, authentisch zu wirken. Wir richten den Bildausschnitt ein, prüfen das Licht, kontrollieren unsere Mimik. Wir wollen natürlich erscheinen — und genau darin werden wir künstlich.
Im echten Leben ist es umgekehrt: Dort geben wir uns Mühe, nicht zu viel zu zeigen. Wir wahren Haltung, kaschieren Müdigkeit, lächeln über Schmerz hinweg. Wir schützen uns durch kleine Masken, höfliche Phrasen, kontrollierte Gesten.
So leben wir zwischen zwei Extremen: Online wollen wir echt wirken, live wollen wir echt verbergen. Und beides führt zur gleichen Entfremdung — der Mensch verschwindet hinter seinem Bild.
Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas hat das einmal radikal formuliert: Wenn wir einem anderen Menschen ins Gesicht sehen, begegnen wir nicht nur seiner Gestalt, sondern seiner Verletzlichkeit. Das Gesicht erinnert uns daran, dass da jemand ist, der fühlen, leiden, hoffen kann — und dass wir Verantwortung tragen, ihm nicht zum Mittel unserer eigenen Zwecke zu machen. Diese Erfahrung braucht Nähe, sie braucht Gegenwart. Ein digitales Abbild kann sie nicht vermitteln.
Ähnlich schrieb Martin Buber, dass es zwei Arten gibt, einem Menschen zu begegnen: als „Es“ — also als Objekt, das ich beobachte oder beurteile — oder als „Du“ — als Wesen, das ich wirklich meine. In der digitalen Welt überwiegt das „Ich–Es“: Wir sehen, bewerten, klicken, liken. Aber das „Ich–Du“, die echte Begegnung, geschieht nur, wenn ich bereit bin, mich ebenfalls sehen zu lassen.
Es ist eine seltsame Zeit: Nie waren wir vernetzter, und nie war die Einsamkeit größer. Wir schicken Nachrichten, statt Stimmen. Wir sehen Gesichter, statt Menschen. Wir hören Worte, ohne den Atem dahinter zu spüren.
Das ist vielleicht die eigentliche Tragödie des Digitalen: Nicht die Oberflächlichkeit, sondern die Illusion von Tiefe. Wir glauben, jemanden zu kennen, weil wir seine Beiträge lesen, seine Bilder sehen, seine Likes zählen. Aber wer weiß schon, was jenseits des Ausschnitts liegt? Welche Müdigkeit, welcher Trost, welche Trauer? Das, was kein Algorithmus sieht — das eigentlich Menschliche.
Ich denke wieder an das Gespräch im Gym. An diesen beiläufigen Satz: „Online siehst du nur ein Bild.“ Vielleicht ist das unsere leise Aufgabe in dieser Zeit: Wieder unterscheiden zu lernen zwischen Bild und Begegnung, zwischen Sichtbarkeit und Präsenz.
Das beginnt dort, wo wir akzeptieren, dass wir einander nie vollständig erkennen. Dass jedes Bild, auch das reale, nur ein Versuch ist, den Anderen zu erfassen — und dass dieser Versuch immer unvollständig bleibt.
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