Es gibt Zeiten, in denen Menschen mit großer Ernsthaftigkeit über langfristige Sicherheiten sprechen. Über Altersvorsorge, Karrieren, Lebensentwürfe. Junge Menschen sorgen sich um ihre Rente, Eltern um Bildungswege, ganze Gesellschaften um Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität. All dies geschieht, als sei Zukunft etwas, das sich verlässlich planen ließe – als sei sie im Wesentlichen eine Fortschreibung der Gegenwart.
Und doch beschleicht viele gleichzeitig ein anderes Gefühl: dass diese Selbstverständlichkeit brüchig geworden ist. Dass zwischen den Gesprächen über Absicherung und der Wahrnehmung der Weltlage eine Spannung liegt, die sich nicht mehr auflösen lässt. Die Zukunft wirkt nicht mehr offen, sondern fragil.
Diese Irritation hat Gründe. Es wird nicht mehr nur aufgerüstet, es wird offen über militärische Angriffe gesprochen. Eskalationsszenarien sind kein theoretisches Gedankenspiel mehr, sondern Bestandteil öffentlicher Debatten. Internationale Ordnungen verlieren an Bindekraft, demokratische Systeme geraten unter Druck, ökologische, ökonomische und politische Krisen überlagern sich. Die Welt wirkt nicht angespannt, sondern eskalierend.
Viele Menschen registrieren das – und planen dennoch weiter. Nicht aus Blindheit oder Naivität, sondern aus Notwendigkeit. Planung setzt Stabilität voraus, und ohne die Unterstellung von Stabilität wären Gesellschaften handlungsunfähig. Institutionen, Familien, Organisationen können nicht im permanenten Ausnahmezustand existieren. Sie müssen so tun, als sei Zukunft verfügbar.
Satire hat diese Spannung oft klarer benannt als nüchterne Analyse. In einem alten Film wird eine Stadt gezeigt, die dem Untergang geweiht ist. Während das Wasser bereits steigt, halten ihre Bewohner an der Behauptung fest, alles sei nur ein Gerücht. Sitzungen werden abgehalten, Abläufe eingehalten, Fenster geputzt. Man könnte dieses Bild zuspitzen: Der Dachstuhl brennt – und es werden noch die Gardinen geplant.
Das ist keine Anklage, sondern eine Beschreibung. Weiterzuplanen ist eine Funktion, kein moralischer Fehler. Die eigentliche Frage liegt tiefer: Wie verhält sich der Einzelne innerlich zu dieser Planung? Hält er sie für Gewissheit – oder für eine vorläufige Ordnung in unsicheren Zeiten?
Wenn langfristige Horizonte brüchig werden, verschiebt sich der Maßstab. Nicht mehr große Entwürfe tragen, sondern Reduktion. Historisch zeigt sich, dass Menschen in instabilen Zeiten nicht durch Optimismus stabil bleiben, sondern durch überschaubare Routinen, verlässliche Beziehungen, geistige Praxis. Nicht durch das Versprechen einer besseren Zukunft, sondern durch Maß in der Gegenwart.
Reduktion ist dabei kein Rückzug. Sie ist eine Konzentration auf das Tragfähige: weniger Ablenkung, mehr Gegenwärtigkeit; weniger Zukunftsversprechen, mehr Verlässlichkeit; weniger Lärm, mehr Sprache. Lesen, Denken, Schreiben – oft als geistige Flucht missverstanden – werden in solchen Zeiten zu Formen innerer Stabilisierung. Nicht, um der Welt zu entkommen, sondern um in ihr nicht enger zu werden.
Ich bin Wissenschaftler und glaube nicht an Weissagungen. Und doch ist mir ein Gedanke aus der Kindheit geblieben: Meine Großmutter beschäftigte sich gern mit den Texten von Nostradamus, dem sinngemäß zugeschrieben wird, dass vor dem grundlegenden Umbruch noch einmal alles Destruktive mit besonderer Wucht hervorbreche. Man muss nicht an Prophezeiungen glauben, um den Kern dieses Gedankens ernst zu nehmen. Große zivilisatorische Umbrüche verlaufen selten leise. Bevor Neues entsteht, eskaliert oft das Alte. Der Dachstuhl brennt nicht aus Zufall, sondern weil das Haus in seiner bisherigen Form an Grenzen gestoßen ist.
Aber es gehört zur Redlichkeit, auch diese Möglichkeit mitzudenken: dass die Dinge nicht offen bleiben. Dass Entscheidungen fallen werden, Brüche unumkehrbar werden, Spielräume verschwinden. Dann endet nicht das Leben, sondern eine bestimmte Vorstellung davon. Nicht alles bleibt gestaltbar – aber nicht alles geht verloren.
Der oft gegebene Rat, man solle jeden Tag so leben, als wäre es der letzte, verfehlt allerdings die Wirklichkeit des Zusammenlebens. Würden Menschen tatsächlich so handeln, würden sie vieles unterlassen, was mühsam, aufschiebbar oder unerquicklich ist – und genau daran würde das soziale Gefüge zerbrechen. Zivilisation lebt nicht vom permanenten Sinnrausch, sondern von Verlässlichkeit. Vielleicht ist die angemessenere Haltung daher eine andere: nicht so zu leben, als wäre heute der letzte Tag, sondern so, dass es für andere keinen Unterschied macht, ob man morgen noch da ist. Verantwortung entsteht nicht aus der Dramatik des Endes, sondern aus der Bereitschaft, auch das Unscheinbare weiterzutragen.
Es gibt Dinge, die uns nicht genommen werden können, weil sie nicht delegierbar sind: die Art, wie wir sprechen; der Ton, mit dem wir anderen begegnen; die Weise, wie wir arbeiten; das Maß, das wir uns selbst auferlegen. Nicht garantiert, aber als Aufgabe auferlegt, ist uns die Entscheidung, nicht schlechter zu werden.
Sich darauf einzustellen heißt nicht, Abschied vorwegzunehmen oder innerlich zu verhärten. Es heißt, Reduktion zu üben statt Eskalation, Klarheit statt Beschleunigung, Haltung statt Hoffnung. Vielleicht ist das, was in unsicheren Zeiten trägt, nicht die Frage, wie es ausgeht, sondern was bleibt, wenn vieles nicht mehr offen ist: nicht blinder Optimismus, sondern Charakter; nicht Gewissheit, sondern Maß; nicht Zukunftsbilder, sondern eine Form von Gegenwart, die standhält.
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