Die Erschöpfung der Zweckrationalität

Veröffentlicht am 25. Januar 2026 um 18:33

Auf einem Elternabend meines Kindes meldete sich eine Mutter zu Wort. Sie beklagte die mangelnde Motivation vieler Schülerinnen und Schüler.
Es stimmt, ihr eigener Sohn ist intelligent, fleißig und diszipliniert. Er lernt früh und intensiv, um sich ein gutes Studium zu sichern.
Doch nun ging es um alle Schülerinnen und Schüler. Von den Lehrkräften erwarte sie mehr Strenge, um auch die anderen zu motivieren.

Diese Forderung stimmte mich nachdenklich. Nicht, weil die Beobachtung falsch wäre. Sondern weil sie etwas sichtbar macht, das tiefer reicht als individuelle Faulheit oder pädagogisches Versagen.

Über Jahrzehnte war schulische Anstrengung eingebettet in ein plausibles Versprechen: Wer sich bemüht, wird belohnt. Bildung führt zu einem Abschluss,
dieser zu einem Studium oder Beruf, dieser wiederum zu Sicherheit, Wohlstand und gesellschaftlicher Teilhabe.

Die Gründe sind offensichtlich und zugleich schwer zu fassen: politische Instabilität, globale Konflikte, ökonomische Unsicherheit, ökologische Krisen.
Hinzu kommt eine technologische Entwicklung, die gerade erst begonnen hat, ihre kulturelle Sprengkraft zu entfalten.
Künstliche Intelligenz stellt nicht nur einzelne Tätigkeiten infrage, sondern den Wert von Wissen als solchem. Reproduktion, Analyse, sogar kreative Prozesse werden zunehmend an die Technik delegierbar.

Für junge Menschen entsteht daraus keine konkrete Angst, sondern etwas Diffuseres: eine schleichende Infragestellung der Zweckkette. Warum sich anstrengen, wenn der Zweck unscharf wird? Warum investieren, wenn nicht klar ist, ob das Ziel überhaupt noch existiert?

In diesem Sinne ist mangelnde Motivation kein moralisches Defizit. Sie ist eine rationale Reaktion auf eine unklare Zukunft.

Der Sohn der Mutter handelt konsequent zweckrational. Das ist weder falsch noch verwerflich. Es ist eine individuelle Bewältigungsstrategie: Ordnung schaffen, Kontrolle ausüben, sich absichern.

Problematisch wird es dort, wo diese Strategie verallgemeinert wird. Wo aus einem individuellen Umgang mit Unsicherheit eine normative Erwartung an alle anderen wird. Nicht jeder kann – und nicht jeder will – auf dieselbe Weise reagieren. Manche ziehen sich zurück. Manche verweigern. Manche verlieren schlicht den inneren Bezug. Das ist kein Zeichen von Faulheit, sondern von Orientierungslosigkeit.

Der Ruf nach mehr Strenge erscheint zunächst plausibel. Wenn Motivation fehlt, scheint Druck ein geeignetes Mittel. Kurzfristig funktioniert das sogar: Verhalten lässt sich erzwingen, Leistung simulieren, Anpassung herstellen. Langfristig aber verschärft Strenge genau das Problem, das sie lösen soll. Lernen wird instrumentell, Beziehung zur Sache geht verloren, Zynismus entsteht. Schülerinnen und Schüler lernen, wie man Erwartungen erfüllt – nicht, warum Lernen überhaupt bedeutsam sein könnte.

Motivation lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Bedeutung. Oft wird intrinsische Motivation als idealistisch oder naiv abgetan. Doch in der aktuellen Lage ist sie weniger Ideal als Notwendigkeit. In einer Welt, in der Wissen jederzeit verfügbar ist und Reproduktion automatisiert wird, verschiebt sich der Sinn von Bildung. Entscheidend wird nicht mehr, was jemand weiß, sondern wie jemand denkt, urteilt, einordnet, Verantwortung übernimmt. Intrinsische Motivation entsteht dort, wo Menschen sich als wirksam erleben, Zusammenhänge verstehen dürfen, Fragen stellen können, ohne sofort bewertet zu werden, und Lernen mit ihrem eigenen Leben in Verbindung bringen. Diese Form von Motivation ist nicht effizient, nicht schnell, nicht vollständig steuerbar. Aber sie ist tragfähig.

Wenn es neue Ziele braucht, dann nicht im Sinne neuer Karrierepfade oder optimierter Lebensläufe. Es braucht eine andere Begründung von Bildung selbst. Nicht: Lerne, damit du funktionierst. Sondern: Lerne, damit du denken, urteilen und dich orientieren kannst – gerade in unsicheren Zeiten. Das ist ein hoher Anspruch. Er entzieht sich einfachen Leistungskennzahlen. Aber er ist ehrlicher als alles, was derzeit an ihre Stelle tritt.

Der Konflikt auf dem Elternabend war kein pädagogischer. Er war ein Konflikt der Sinnmodelle. Die Elterngeneration verteidigt ein Leistungsversprechen, das für sie funktioniert hat. Die junge Generation spürt, dass dieses Versprechen brüchig geworden ist – oft, ohne die Sprache zu haben, es zu benennen.

Zwischen diesen beiden Positionen entsteht Reibung, Unverständnis, manchmal Ärger. Doch vielleicht ist diese Irritation kein Problem, das beseitigt werden muss. Sie ist ein Signal dafür, dass etwas neu gedacht werden muss.

Nicht Motivation fehlt. Der Sinnhorizont fehlt.

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