Keine Lösung

Veröffentlicht am 25. Februar 2026 um 18:03

„Kein Alkohol ist auch keine Lösung“, sagt ein sehr guter Freund von mir gelegentlich – mit dieser lakonischen Weisheit, die nur funktioniert, wenn sie nicht ganz ernst gemeint ist. Der Satz ist ironisch, weil er eine Erwartung unterläuft: Als müsse es für die kleinen und großen Spannungen des Lebens eine einfache Lösung geben. Als ließe sich Komplexität durch Verzicht oder Konsum auflösen.

Vielleicht beschäftigt mich dieser Satz gerade deshalb, weil er sich überraschend gut auf eine andere Debatte übertragen lässt – jene um die sogenannte Selbstoptimierung.
Wer morgens meditiert, ins Gym geht, auf Ernährung achtet, ausreichend schläft, wird heute schnell in eine Kategorie einsortiert. Optimierer. Leistungsfetischisten. Systemkonforme Selbstverwalter. Die Kritik ist bekannt: Man arbeite nur noch effizienter am eigenen Funktionieren, statt die Bedingungen infrage zu stellen, unter denen man funktioniert.
Aber was genau wird hier kritisiert? Die Sorge um den eigenen Körper? Die Erfahrung, dass man sich mit Bewegung stabiler, klarer, weniger krank fühlt? Oder die implizite Botschaft, dass Handlungsfähigkeit nicht vom Himmel fällt, sondern gepflegt werden muss?

Vielleicht liegt der eigentliche Konflikt weniger im Verhalten als in der Deutung. Selbstsorge wird schnell als moralische Botschaft gelesen, auch wenn sie gar nicht so gemeint ist. Wer für sich sorgt, so scheint es, setzt anderen einen Spiegel vor – ob gewollt oder nicht. Und Spiegel sind unbequem. Sie konfrontieren nicht nur mit Möglichkeiten, sondern auch mit Versäumnissen, mit Müdigkeit, mit der leisen Ahnung, dass man selbst anders leben könnte.
Doch der Verzicht auf Selbstsorge ist kein Widerstand. Nicht ins Fitnessstudio zu gehen, keine Routinen zu entwickeln, sich dem eigenen körperlichen oder mentalen Verfall zu überlassen, erschüttert kein System. Im Gegenteil: Eine Gesellschaft kommt erstaunlich gut mit erschöpften, gereizten, abgelenkten Menschen zurecht. Wer weniger Kraft hat, stellt seltener Fragen.

Die unbequeme Wahrheit ist vielleicht, dass Kraft keine Garantie für Kritik ist – aber Kraftlosigkeit noch weniger.
Selbstsorge ist keine Lösung. Sie behebt weder strukturelle Ungerechtigkeiten noch beantwortet sie existenzielle Fragen. Sie ersetzt keine politische Analyse und kein moralisches Urteil. Sie ist nicht der zentrale Faktor einer erfolgreichen Karriere. Aber ihr Gegenteil ist ebenfalls keine Lösung. Weder der asketische Verzicht noch die demonstrative Gleichgültigkeit erlösen uns aus den Bedingungen, in denen wir leben.

Der scherzhafte Satz meines Freundes entlarvt die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Kein Alkohol ist keine Lösung. Mehr Alkohol auch nicht. Genauso wenig ist Disziplin eine Lösung – und ihr Fehlen ebenso wenig.
Vielleicht ist „Lösung“ ohnehin das falsche Wort. Es suggeriert, dass das Leben ein Problem sei, das sich endgültig beheben ließe. Wahrscheinlicher ist, dass wir uns immer nur verhalten – inmitten von Anforderungen, Erwartungen, Möglichkeiten und Grenzen.

In diesem Sinne ist Selbstsorge kein Heilsversprechen, sondern eine Haltung. Nicht um besser zu sein als andere, nicht um sich moralisch zu erhöhen, sondern um handlungsfähig zu bleiben. Um denken zu können, ohne sofort gereizt zu reagieren. Um nicht jede Erschöpfung mit Zynismus zu verwechseln. Um im Idealfall sogar mehr Distanz zum System zu gewinnen, nicht weniger.

Vielleicht ist das die nüchterne Pointe: Selbstsorge ist keine Lösung. Aber der Verzicht darauf auch nicht. Alles andere entscheidet sich daran, wie wir zu uns selbst stehen.

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