Das Vogerl des Glücks

Veröffentlicht am 16. November 2025 um 13:30

Es ist ein milder Nachmittag. Späte Sonne auf nassem Pflaster.
Die Straßen glänzen noch vom Regen. Die Luft riecht nach Stein, Kastanien und frisch aufgebrühtem Kaffee. Clara und ich schlendern durch die Altstadt, vorbei an kleinen Cafés, über das Kopfsteinpflaster, weiter in Richtung Marktplatz.

An einer Ecke steht ein alter Mann mit einem Akkordeon. Er trägt einen zerbeulten Hut, aus dem ein paar Federn ragen – ob als Schmuck oder Symbol, ist nicht zu sagen. Er spielt langsam, mit viel Gefühl, und beginnt zu singen:

„A Glück is a Vogerl, fliegt auf und da’von…“

Clara bleibt stehen. Ihre Hand ruht leicht auf meinem Arm.

„Kennst Du das Lied?“, fragt sie leise.

Ich nicke. „Ja. Ein Wiener Volkslied. Ich habe es früher für sentimentalen Kitsch gehalten. Heute höre ich nur noch Wahrheit darin.“

Sie lächelt. „Ich wusste, dass Du das sagst.“

Der Musiker singt die letzte Strophe mit einem Tonfall, der nicht traurig ist, sondern seltsam versöhnt:

„Drum sei net zornig, wenn’s Vogerl net bleibt, es kummt vielleicht wieda – ganz leis’, ganz versteckt.“

Ich schweige. Dann sage ich:
„Weißt du, ich habe lang gedacht, das Leben müsste glücklich sein. Heute glaube ich: Es reicht, wenn es wahr ist. Und wenn es Momente gibt, in denen das Herz leicht wird, ohne Grund.“ 

Clara schaut mich an, dann in den Himmel, wo sich gerade ein Schwarm Tauben erhebt.

„Du meinst wie eben?“, fragt sie.

Ich nicke. „Ja. Ein kleiner Moment. Aber einer, der bleibt.“

Ein Lächeln huscht über Claras Gesicht, als hätte sie etwas verstanden, das nur zwischen den Worten liegt.

„Manchmal“, sagt sie, „ist das Glück ja nicht Zufall. Manchmal ist es… ein Fehler.“

Ich muss unweigerlich die Stirn runzeln. „Ein Fehler?“

„Ja. Etwas, das nicht geplant war. Etwas, das nicht in den Ablauf passt. Wie ein kleines Tier, das durchs Fenster flattert und den Tag verändert. Du hast mir mal gesagt, dass menschliche Fehlleistungen wie Türen sind, durch die das Unbewusste spricht. Ich glaube, das Glück ist manchmal genau so eine Fehlleistung des Ablaufs.“

Ich schweige einen Moment. Dann lächele ich.
„Der Fehler ist das, was das System nicht erwartet – aber vielleicht benötigt?“

„Eben“, sagt Clara. „Vielleicht ist das Vogerl gerade deshalb Glück, weil man es nicht fangen kann. Weil es kommt, wenn man einen Plan hatte und sich plötzlich etwas anderes ereignet.“

Wir gehen weiter, langsam, ohne Ziel. Die Melodie hinter uns ist verklungen, aber sie hallt noch nach, nicht nur in unseren Ohren, sondern irgendwo tief in der Brust, wo Sehnsucht wohnt.

Vielleicht ist Weisheit genau das:
Nicht dem Vogerl nachzujagen, sondern es willkommen zu heißen, wenn es sich von selbst auf die Schulter setzt, oder durch ein offenes Fenster in die Geschichte flattert, in dem Moment, wo man eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen.

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