Spur – Zweck – Sein (3)
Manchmal stoße ich auf einen Satz, der mich sofort innehalten lässt.
Heute war es ein Satz über Hannah Arendt und den “Nutzen der Nutzlosigkeit.“
Ein Satz, der in sich selbst ein Paradox trägt – und doch etwas berührt, womit ich mich, ausgelöst durch meine beiden letzten Texte, beschäftigte:
Dass nicht alles, was zählt, auch zählbar ist – und Sinn nicht dort entsteht, wo wir den größten Nutzen haben.
Arendt unterscheidet drei Formen menschlicher Tätigkeit: arbeiten, herstellen und handeln.
Arbeiten hält uns am Leben. Herstellen schafft Dinge, die bleiben. Aber erst das Handeln – das echte, menschliche Miteinander – hat keinen Zweck außerhalb seiner selbst. Es ist frei, zwecklos, manchmal auch „nutzlos“ im ökonomischen Sinn. Und genau deshalb unersetzlich.
Ich merke, wie sehr mich dieser Gedanke berührt. Denn vieles, womit wir uns heute beschäftigen, dreht sich nur noch um das Menschengemachte – um Systeme, Regeln, Prozesse, Berechnungen. Wir reflektieren das von uns Erschaffene, mit denselben Werkzeugen, mit denen wir es erschaffen haben.
Doch auf diese Weise lernen wir vielleicht mehr über uns, aber weniger über die Welt.
Arendt erinnert daran, dass wir das Denken als Selbstzweck verlernt haben.
Muße gilt als Stillstand. Nichtstun als Zeitverschwendung. Doch in Wahrheit ist genau dieses Innehalten der Raum, in dem etwas Tieferes geschieht: Weltbezug, Einsicht, Sinn, vielleicht sogar Freiheit.
Ich habe mich oft gefragt, ob Sinn immer etwas sein muss, das man „leistet“.
Oder ob er auch dann entsteht, wenn man einfach still sitzt und die Dinge betrachtet, ohne sie gleich verändern zu wollen.
Wenn man für andere da ist, ohne Ziel. Wenn man etwas Schönes schafft, das keinen Zweck erfüllt, aber unser Leben erst bedeutsam macht.
Ich denke dabei auch an den Begriff Zeitwohlstand – dieses seltene Gefühl, dass man nicht hetzen muss.
Dass Zeit nicht nur zum Abarbeiten da ist, sondern auch zum Spüren. Zum Nachdenken, zum Staunen, zum Verweilen. Es ist der Reichtum, den man hat, wenn man nichts tun muss, aber darf.
Vielleicht ist das für mich der Nutzen der Nutzlosigkeit:
Dass sie uns daran erinnert, wer wir sind, wenn wir gerade nichts leisten müssen – und uns das Menschliche zurückgibt: das zweckfreie, schöpferische, empfindsame Sein.
Kommentar hinzufügen
Kommentare