Der Salat war beinahe vollständig abgefressen.
Zuerst dachte ich an Schnecken. Das Fraßbild schien dazu zu passen. Also stellte ich abends eine Bierfalle ins Gewächshaus. Doch am nächsten Morgen war keine Schnecke darin. Keine Schleimspur. Dafür war noch mehr verschwunden.
Später sah ich sie.
Eine kleine Maus huschte über den Boden, als hätte sie sich längst eingerichtet in diesem warmen, geschützten Raum.
Was dann folgte, war ungewöhnlich aufwendig für eine Maus.
Ich baute eine Lebendfalle um, weil die Öffnungen im Gitter ursprünglich zu groß waren. Beim ersten Versuch war die Falle zwar ausgelöst, aber leer. Erst nachdem ich sie zusätzlich mit einem feineren Gitter gesichert hatte, funktionierte sie. Als Köder diente schließlich eine halb aufgeknackte Walnuss. Am nächsten Morgen saß die Maus darin.
Wir fuhren sie mit dem Auto hinaus aufs Land. Ein geschützter Ort mit hohem Gras, Büschen und Bäumen. Kein idealer Ort vielleicht – zumindest nicht im Vergleich zu einem Gewächshaus voller Salat –, aber ein Ort, an dem sie leben konnte.
Und dennoch blieb ein seltsames Gefühl zurück.
Nicht, weil ich glaubte, falsch gehandelt zu haben. Sondern weil mir bewusst wurde, dass fast jede Form menschlicher Ordnung auf einer Abgrenzung beruht. Auch ein Gewächshaus ist letztlich nichts anderes als ein beanspruchter Raum. Ein Stück Welt, das wir für unsere Zwecke gestalten, schützen und kontrollieren.
Die Maus hatte dabei ein Problem verursacht. Aber aus ihrer Perspektive war sie einfach nur dort, wo Nahrung, Wärme und Schutz vor Vögeln und Katzen zu finden waren.
Vielleicht liegt genau darin die Schwierigkeit vieler Konflikte – im Kleinen wie im Großen:
Dass nicht immer Gut gegen Böse steht, sondern oft zwei nachvollziehbare Interessen aufeinandertreffen.
Und dass wir dazu neigen, die eigene Perspektive stillschweigend für die richtige zu halten – und uns selbst für die Guten, die anderen für die Bösen.
Das erinnerte mich stark an das Verhältnismäßigkeitsprinzip, wie man es aus Ethik oder Recht kennt. Eine Maßnahme soll geeignet sein, erforderlich – und nicht schärfer, als unbedingt notwendig.
Rückblickend glaube ich, dass genau das mein eigentlicher innerer Maßstab war.
Die Pflanzen einfach aufzugeben, erschien mir nicht verantwortbar. Nicht nur wegen der Arbeit, sondern auch wegen meiner Familie, die ich gesund ernähren möchte. Gleichzeitig wollte ich das Tier nicht töten, solange es eine mildere Möglichkeit gab.
Albert Schweitzer prägte einen ethischen Begriff, der besagt, dass alles Leben heilig ist und respektiert werden muss. Die „Ehrfurcht vor dem Leben“. Der Mensch ist „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.
Und vielleicht bedeutet Ehrfurcht vor dem Leben nicht, niemals einzugreifen. Sondern vor allem sich bewusst zu bleiben, dass jeder Eingriff einen Preis hat.
Verantwortung beginnt genau dort: In der Bereitschaft, selbst im notwendigen Eingriff den Respekt vor dem anderen nicht zu verlieren und stets abzuwägen, welches Mittel zugleich mild und wirksam ist.
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