Ent-Täuschung

Veröffentlicht am 9. April 2026 um 19:11

Manchmal beginnt eine Enttäuschung nicht mit einem plötzlichen Ereignis, sondern mit einem leisen Gefühl, das sich über Monate hinweg bemerkbar wird.

So war es auch hier.

Was zunächst als vielversprechende berufliche Zusammenarbeit begann, wurde mit der Zeit von etwas begleitet, das sich schwer greifen ließ. Es war kein klarer Konflikt, kein einzelner Moment, an dem etwas kippte. Eher ein schleichendes Auseinanderdriften – zwischen dem, was war, und dem, was man darin gesehen hatte.
Zwischenzeitlich haben wir alles in die Wege geleitet, die Zusammenarbeit zu beenden. Nicht als plötzlichen Bruch, sondern als Konsequenz dieses Prozesses.

Rückblickend lässt sich sagen: Es waren Bilder.

Ein Bild davon, wer ich bin und was ich einbringen kann.
Ein Bild davon, wie Zusammenarbeit aussehen könnte.
Und auch ein Bild davon, dass es vielleicht einen Ort geben könnte, an dem man sich nicht in eine Rolle begeben muss, die einem nicht entspricht.

Ich habe früh gespürt, dass diese Bilder nicht ganz stimmig sind. Habe versucht, sie zu relativieren, einzuordnen, vielleicht auch vorsichtig zu korrigieren. Und dennoch halten sich solche Bilder erstaunlich lange. Vielleicht, weil wir sie brauchen.

Im Schwäbischen gibt es eine treffende Redewendung: „Mer sieht immer nu drana.“

Man sieht immer nur von außen daran. Mehr nicht. Und doch verhalten wir uns oft so, als sähen wir mehr. Als könnten wir das Wesen eines Menschen, einer Situation oder sogar von uns selbst erfassen. Aus dem, was wir sehen, entsteht ein Bild. Und aus diesem Bild entsteht Erwartung. Und genau hier beginnt die Täuschung.

Ent-Täuschung ist dann nicht unbedingt das Scheitern einer Beziehung oder eines Vorhabens. Sie ist vor allem der Moment, in dem das Bild nicht mehr trägt. Wenn das, was ist, nicht mehr zu dem passt, was wir darin gesehen haben.

Das kann schmerzhaft sein. Und es ist verlockend, diesen Schmerz einem Gegenüber zuzuschreiben. Schuld zuzuweisen – oder zumindest einen Schuldigen suchen.

Doch vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung woanders: In der Bereitschaft, anzuerkennen, dass das eigene Bild nie vollständig war. Diese Form der Ent-Täuschung betrifft nicht nur unser Gegenüber. Sie betrifft auch uns selbst.

Ich erlebe es immer wieder, dass ich von mir selbst enttäuscht bin – weil ich einem Bild, das ich von mir selbst habe, nicht entspreche. 
Ein Bild davon, wie ich sein möchte. Wie ich handeln sollte. Was ich leisten müsste.

Doch auch hier lohnt ein genauerer Blick.

Was ist dieses Bild eigentlich? Wir nennen es oft ein Ideal. Und in diesem Begriff liegt ein Hinweis. Ein Ideal ist– seinem Wesen nach – etwas Gedachtes. Etwas Vorgestelltes. Nicht das, was ist. Und dennoch messen wir uns daran, als wäre es erreichbar.

Vielleicht liegt genau darin ein Teil unserer Selbst-Täuschung:
Dass wir glauben, einem Bild gerecht werden zu können, das sich nicht leben lässt. 

Wenn man diesen Gedanken weiterführt, bekommt Ent-Täuschung eine andere Bedeutung.
Sie ist nicht nur ein Verlust. Sie ist auch eine Form von Klärung. Ein Bild fällt weg – und damit auch die Anstrengung, es aufrechtzuerhalten.

Was bleibt, ist oft zunächst Leere. Manchmal Traurigkeit. Aber vielleicht auch etwas anderes: Eine Form von Befreiung.

Es ist in Ordnung, dem eigenen Bild nicht zu entsprechen. Denn ein Ideal ist genau das: unmöglich zu erfüllen.
Möglich aber ist, sich zu bemühen. Und zu reflektieren.

Das ist keine große Erkenntnis. Aber eine, die entlasten kann.

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