Im Mittelalter hatte der Henker mancherorts nicht nur Hinrichtungen zu vollziehen. Er trug auch den Müll vor die Stadtmauern, beseitigte Tierkadaver oder übernahm andere „unreine“ Tätigkeiten.
Vielleicht aus praktischen Gründen. Vielleicht aber auch, weil Gesellschaften seit jeher Schwierigkeiten damit haben, Menschen ohne erkennbare Funktion einfach „sein zu lassen“.
Der Gedanke kam mir wieder, als ich über moderne Arbeitswelten nachdachte. Wir leben heute in einer Zeit enormer Produktivität. Maschinen, Künstliche Intelligenz und automatisierte Prozesse übernehmen Aufgaben, für die früher viele Menschen notwendig waren.
Gleichzeitig wird gesellschaftlich und politisch immer häufiger gefordert, Menschen müssten wieder mehr arbeiten, länger arbeiten, produktiver werden. Und ich frage mich: Warum eigentlich?
Nicht polemisch. Nicht als Provokation. Sondern ernsthaft.
Denn theoretisch müsste technologischer Fortschritt doch genau das Gegenteil ermöglichen: mehr Zeit, mehr Freiheit, mehr Ruhe, mehr Raum für Familie, Kultur, Bildung oder einfach Leben. Stattdessen scheint unsere Gesellschaft weiterhin um die Idee permanenter Beschäftigung organisiert zu sein.
Der Anthropologe David Graeber, ich erwähnte ihn bereits in einem früheren Blogbeitrag, prägte hierfür den Begriff der „Bullshit Jobs“. Gemeint waren damit nicht einfach unangenehme Berufe, sondern Tätigkeiten, bei denen selbst viele der Ausübenden den Eindruck haben, dass sie gesellschaftlich eigentlich keinen echten Nutzen mehr erzeugen.
Natürlich gibt es unzählige sinnvolle Arbeiten: Pflege, Handwerk, Medizin, Bildung, Versorgung, Landwirtschaft, Technik, Kunst und vieles mehr. Aber daneben existieren offenbar auch Tätigkeiten, die sich vor allem selbst erhalten: Verwaltung von Verwaltung, Kontrolle von Kontrolle, Meetings über Meetings, Systeme, die neue Systeme hervorbringen, um die Probleme vorheriger Systeme zu organisieren.
Das ist nicht einmal böser Wille. Moderne Gesellschaften sind schlicht kulturell noch immer auf Vollbeschäftigung programmiert — obwohl die technische Realität längst eine andere geworden ist.
Interessant erscheint mir dabei ein Blick in andere Kulturen, zum Beispiel nach Japan. Dort sieht man häufig ältere Menschen, die weiterhin kleine Aufgaben übernehmen: als Einweiser, Begleiter, Aufsicht, oder lokale Fremdenführer. Aus westlicher Perspektive wirken manche dieser Tätigkeiten beinahe unnötig.
Und doch liegt darin möglicherweise etwas Wichtiges: Nicht jede Arbeit dient dort nur ökonomischer Effizienz. Manche scheint vielmehr Ausdruck von Teilhabe, Würde und sozialer Sichtbarkeit zu sein. Arbeit erfüllt offenbar mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie sichert Einkommen. Sie strukturiert Zeit. Sie erzeugt soziale Zugehörigkeit. Sie vermittelt das Gefühl, gebraucht zu werden.
Wir übersehen etwas Entscheidendes: Weniger klassische Erwerbsarbeit bedeutet nicht automatisch weniger Tätigkeit, weniger Verantwortung oder weniger Beitrag zur Gesellschaft. Menschen arbeiten vor allem auch jenseits der Lohnarbeit.
Sie kümmern sich um Kinder oder Angehörige. Sie engagieren sich ehrenamtlich. Sie schaffen Kunst. Sie musizieren. Sie organisieren Gemeinschaft. Sie hören zu. Sie begleiten andere Menschen durch Krisen. Sie pflegen Beziehungen. Sie halten soziale Räume zusammen, die in keiner volkswirtschaftlichen Kennzahl auftauchen.
Vielleicht liegt eine der eigentlichen Schieflagen moderner Gesellschaften darin, dass fast nur jene Arbeit vollständig anerkannt wird, die ökonomisch verwertbar ist. Dabei sind viele der Tätigkeiten, die menschliches Leben überhaupt erst lebenswert machen, nur schwer messbar.
Und die entscheidende Frage lautet aus meiner Sicht deshalb nicht: „Wie halten wir alle Menschen beschäftigt?“ Sondern: „Warum erkennen wir so vieles, was Menschen ohnehin bereits füreinander tun, gesellschaftlich nicht als vollwertige Arbeit an?“
Gesellschaften können schwer akzeptieren, dass Menschen irgendwann nicht mehr permanent ökonomisch notwendig sein könnten. Denn was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Arbeit ihre zentrale Rolle als Existenzlegitimation verliert?
Diese Frage wirkt beinahe bedrohlich. Möglicherweise auch deshalb, weil unsere kulturellen und politischen Systeme noch tief im Denken der Industriegesellschaft verwurzelt sind: Arbeit gilt nicht nur als wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern als moralischer Wert. Wer arbeitet, gilt als fleißig. Wer viel arbeitet, als tugendhaft. Wer „nicht“ arbeitet, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck — selbst dann, wenn gesellschaftlich objektiv längst genug produziert wird.
Dies ist ein Widerspruch unserer Zeit: Technologisch bewegen wir uns in Richtung Automatisierung und Entlastung. Kulturell und politisch jedoch denken wir weiterhin in Kategorien permanenter Erwerbstätigkeit. Und möglicherweise erklärt das auch einen Teil der gegenwärtigen gesellschaftlichen Spannungen. Denn wenn Menschen spüren, dass etwas nicht mehr zusammenpasst, entstehen Unsicherheit und diffuse Unruhe. Dann werden einfache Antworten attraktiv. Populistische Narrative. Schuldzuweisungen. Feindbilder.
Gerade rechtspopulistische Bewegungen arbeiten häufig mit solchen Mechanismen: mit Verlustängsten, Identitätsfragen, dem Versprechen von Ordnung, Kontrolle und klaren Zuständigkeiten.
Aus meiner Sicht liegt die Herausforderung unserer Zeit deshalb nicht mehr darin, genug Arbeit zu schaffen. Sondern darin, neu zu lernen, wie Sinn, Würde, Zugehörigkeit und Freiheit aussehen können, wenn menschliche Lohnarbeit nicht mehr der alleinige Mittelpunkt gesellschaftlicher Existenz ist.
Und vielleicht müssten wir irgendwann beginnen, Produktivität nicht nur in Geld oder Wachstum zu messen, sondern auch in Zeitwohlstand und Sinn.
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