Es gibt Sätze, die hängen wir auf, weil sie witzig sind.
Sie verdichten Überforderung zu einem lakonischen Bonmot, machen aus Daueranspannung etwas, über das man kurz lachen kann. Gerade in Arbeitskontexten mit hoher Verantwortung entfalten solche Sätze eine eigentümliche Entlastung: Sie sagen das, was viele denken, und sie sagen es mit einem Augenzwinkern. Der Humor liegt darin, dass man sich erkannt fühlt – und für einen Moment weniger allein.
Anfangs habe ich einen solchen Satz genau so gelesen: als humorvolle Verdichtung des Gefühls, trotz Kompetenz und guter Absicht von Inkompetenz umgeben zu sein und dennoch Großes bewältigen zu müssen – eine ironische Beschreibung struktureller Überforderung, nicht der eigenen Haltung.
Ich fand es so treffend und komisch, dass ich mir dieses Bonmot sogar als Bild an die Wand meines Büros hing.
Erst ein Gespräch mit einem Kollegen hat mir gezeigt, wie schmal diese Grenze ist. Er lachte nicht. Stattdessen sagte er ruhig, dass in dieser Form des Humors etwas mitschwingt, das ihn stört: eine Verschiebung von Verantwortung. Die eigene Situation erscheint als Folge der Unfähigkeit anderer, die eigene Position als moralisch eindeutig. Ihm fehlte darin die Selbstkritik.
Was mich traf, war nicht die Kritik selbst, sondern ihre Klarheit. Und mehr noch: der Umstand, dass sie ausgesprochen wurde. Viele Menschen hätten an dieser Stelle vermutlich müde mitgelacht, vielleicht innerlich die Stirn gerunzelt und es dabei belassen. Es kostet etwas, diesen kleinen sozialen Frieden nicht zu wählen. Es braucht Mut, einen humorvollen Konsens zu unterbrechen – sachlich, ohne Angriff, ohne Ironie. Dass mein Kollege das getan hat, rechne ich ihm hoch an.
In mir löste das einen Moment von Scham aus. Nicht die lähmende, sondern die aufklärende Form. Die Scham darüber, etwas öffentlich stehen gelassen zu haben, das meinem eigenen Anspruch an Differenziertheit nicht gerecht wurde. Der Satz war nicht falsch, aber er war zu eindeutig. Er teilte die Welt in kompetent und inkompetent, dankbar und undankbar, gut gemeint und unfähig. Und ließ dabei einen entscheidenden Teil aus: mich selbst.
Redlichkeit beginnt nicht dort, wo man äußere Belastungen leugnet. Sie beginnt dort, wo man sich nicht vollständig aus der Verantwortung herausrechnet. Gerade weil strukturelle Überforderung real ist, wird es problematisch, wenn sie ausschließlich externalisiert wird. Der humorvolle Ton macht diese Verschiebung nicht harmlos, sondern schwerer erkennbar.
Ich habe das Bild abgehängt. Nicht aus demonstrativer Selbstkritik, sondern aus Stimmigkeit. Es passte nicht mehr. Der Satz ließ keine Ambivalenz zu, keine Selbstbefragung, keinen Zweifel. Und genau darin liegt seine Bequemlichkeit. Nicht im Ärger über Zustände, sondern in der vermeintlichen Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen.
Vielleicht ist das eine der schwierigeren Übungen im Alltag: Belastung zu benennen, ohne sich moralisch zu erhöhen. Kritik zu üben, ohne sich selbst davon auszunehmen. Und dankbar zu sein für Menschen, die bereit sind, einen darauf hinzuweisen – auch dann, wenn es den Moment des gemeinsamen Lachens kostet.
Kommentar hinzufügen
Kommentare