Wenn es darauf ankommt

Veröffentlicht am 11. August 2026 um 10:59

Es gibt eine Sorte von Filmszenen, bei denen ich ziemlich genau weiß, was mit mir gemacht wird – und die trotzdem funktioniert.

Ein Mann ist mit seiner Frau unterwegs. Sie werden bedroht, vielleicht überfallen. Der Mann wehrt sich nicht. Er gibt das Geld heraus, vermeidet die Auseinandersetzung, lässt vielleicht sogar eine Demütigung über sich ergehen. Seine Frau sieht ihn anschließend mit anderen Augen. Wo sie Schutz erwartet hatte, hat sie vermeintlich Feigheit erlebt.
Und dann stellt sich heraus: Dieser Mann hätte sich sehr wohl wehren können. Vielleicht war er Soldat einer Spezialeinheit. Geheimagent. Auftragskiller. Superheld. Er hat nur gute Gründe, nicht zu zeigen, wer er wirklich ist.

„True Lies“ (1994) mit Arnold Schwarzenegger spielt mit diesem Motiv. Noch konsequenter tut es „Nobody“ (2021). Hutch Mansell, gespielt von Bob Odenkirk, ist geradezu sein Archetyp.
Und auch „The Family Plan“ (2023) mit Mark Wahlberg greift dieselbe Fantasie auf. Dan Morgan führt das denkbar gewöhnliche Leben eines Familienvaters. Seine Familie ahnt nichts von seiner Vergangenheit als professioneller Auftragskiller. Erst als ein Foto von ihm gegen seinen Willen in den sozialen Medien landet, wird er wiedererkannt – und seine sorgsam verborgene Vergangenheit holt ihn ein.

Eine Szene bringt das Motiv beinahe karikaturhaft auf den Punkt. Dan ist mit seinem Kind in einer Babytrage im Supermarkt, als er angegriffen wird. Während er das Kind schützt, setzt er sich mit einer Selbstverständlichkeit zur Wehr, die zu dem bislang etwas biederen Familienvater überhaupt nicht passen will. Ein auf ihn geworfenes Messer fängt er schließlich mit einer Packung Windeln ab.
Windeln und Messer – fürsorglicher Familienvater und hochtrainierter Kämpfer. Viel deutlicher könnte man die beiden Männerbilder kaum in ein einziges Bild packen.
Und vielleicht ist gerade diese Gleichzeitigkeit entscheidend. Der moderne Mann muss seine fürsorgliche Seite nicht ablegen, um wieder stark zu werden. Dan trägt das Baby nicht weniger liebevoll, weil er kämpfen kann. Er kann beides. Gerade darin liegt die Fantasie.
Der Mann mit der Babytrage ist kein anderer Mann. Er ist derselbe.

Und ich muss zugeben: Ich mag diese Geschichten.
Das ist insofern bemerkenswert, als ich mich selbst als Pazifisten bezeichnen würde. Ich halte wenig von der Vorstellung, Konflikte durch Gewalt zu lösen. Wenn ich im wirklichen Leben mich mit einem Messer bedroht sähe, würde ich hoffentlich nicht versuchen, dem Angreifer mit irgendeiner spektakulären Kampftechnik die Waffe mit bloßen Händen abzunehmen. Das wäre wahrscheinlich keine Heldentat, sondern vor allem eine ziemlich gute Möglichkeit, selbst schwer verletzt zu werden.

Und trotzdem beeindrucken mich solche Szenen. Warum eigentlich?

Mich fasziniert zum Beispiel Hutch Mansell deshalb, weil ich mich weniger in seinem gewalttätigen zweiten Leben wiedererkenne als in seinem ersten.
Er steht morgens auf. Er geht zur Arbeit. Er kommt nach Hause. Er erledigt Dinge. Er funktioniert. Tage und Wochen folgen ihren Routinen. Er ist Ehemann und Familienvater. Er übernimmt Aufgaben. Er ist zuverlässig. Und er wird kaum noch gesehen.

Auch mein Leben besteht zu erheblichen Teilen aus Funktionieren. Arbeiten. Einkaufen. Dinge im Haus erledigen. Organisieren. Verantwortung übernehmen. Für andere da sein. Den nächsten Tag vorbereiten. Wieder von vorne.
Das ist kein schlechtes Leben. Im Gegenteil. Vieles davon habe ich mir selbst ausgesucht, und vieles davon ist mir wichtig.
Aber es besitzt wenig von jener archaischen Selbstwirksamkeit, die plötzlich zum Vorschein kommt, als Hutch Mansell aufhört, nur zu funktionieren. Plötzlich verändert seine bloße Anwesenheit eine Situation. Er kann etwas. Und zwar etwas, das die anderen nicht können.

Die eigentliche Männerfantasie dieser Filme lautet deshalb nicht: Ich möchte andere Menschen zusammenschlagen können.
Vielleicht lautet sie: Ich möchte friedlich sein, weil ich mich dafür entscheide – nicht weil mir nichts anderes übrig bliebe. Das ist ein erheblicher Unterschied.
In Videos in den sozialen Medien begegnet mir dieses Motiv inzwischen ständig.

Da wird auf einer Straße jemand bedroht. Ein Passant erkennt die Gefahr. Während andere noch zögern, handelt er. Manchmal entwaffnet er einen Angreifer, manchmal bringt er ihn mit einer einzigen Bewegung zu Boden. Häufig auf eine tollkühne Weise, von der ich hoffe, dass niemand sie nachmacht. Denn wirkliche Gewalt ist nicht choreografiert.
Ein Messerangriff besteht nicht aus einer sauber ausgeführten Bewegung, auf die eine passende Abwehrtechnik folgt. Ein Angreifer hält sich nicht an das Drehbuch. Vielleicht besitzt er eine zweite Waffe. Vielleicht sind seine Freunde in der Nähe. Vielleicht wird aus dem vermeintlich kontrollierten Eingreifen innerhalb von Sekunden eine Katastrophe.
Der vernünftige Mensch müsste das wissen – und insbesondere jemand, der Selbstverteidigung beherrscht.

Der Mann in mir, der solche Bilder betrachtet, reagiert trotzdem. Denn diese Videos stellen eine unangenehme Frage: Was hättest du getan?

Und damit verändert sich etwas. Die Männer in den Filmen sind offensichtlich kein Maßstab für einen normalen Familienvater. Sie sind Actionhelden. Niemand muss sich mit ihnen vergleichen.
Der Mann im Reel dagegen trägt Jeans und T-Shirt. Er steht an einer Bushaltestelle. Er sieht aus wie jemand, der gerade vom Einkaufen kommt.

Wie ich. Und er handelt.

Vielleicht findet hier etwas statt, das ich an einem ganz anderen Beispiel schon länger beobachte.

Wenn ich heute in ein Schwimmbad oder an einen Strand gehe, sehe ich erstaunlich viele gut trainierte Männer. Auch in meinem Alter.
Ich selbst trainiere seit meiner Jugend. Mit über fünfzig habe ich einen Körper, mit dem ich durchaus zufrieden sein kann. Vor einigen Jahrzehnten wäre ein solcher Trainingszustand in meiner Altersgruppe wahrscheinlich stärker aufgefallen. Heute fällt er weniger auf.

Natürlich kann das an meiner eigenen sozialen Blase liegen. Ein Schwimmbad ist keine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung. Menschen, die Sport treiben, begegnen anderen Menschen, die Sport treiben. Wer sich für Training interessiert, bekommt entsprechende Inhalte angezeigt. Wahrnehmung ist selektiv. Aber ich glaube nicht, dass es nur daran liegt.

Menschen reagieren schließlich auf Ideale. Sie gehen ins Fitnessstudio. Sie achten auf ihre Ernährung. Sie trainieren systematisch. Was zunächst nur als Bild existiert, verändert reales Verhalten. Dieses Verhalten verändert reale Körper. Und diese Körper werden wiederum zum Vergleichsmaßstab für andere.

So entsteht eine Rückkopplung: Das Außergewöhnliche wird ständig gezeigt. Menschen versuchen, ihm näherzukommen. Dadurch wird es tatsächlich häufiger. Und weil es häufiger wird, erscheint es immer weniger außergewöhnlich.
Ich kann diesen Wandel sogar innerhalb meiner eigenen Familie beobachten.

Als mein Sohn und zwei meiner Neffen noch Kinder waren, fiel ihnen auf, dass ich trainiert war. Offenbar war das bemerkenswert genug, um wahrgenommen zu werden. Heute sind alle drei junge Männer. Und alle drei haben mich mit ihren definierten Körpern längst überholt.
Ich freue mich darüber. Und trotzdem steckt darin eine interessante Verschiebung: Etwas, das mich für die Kinder einmal ausgezeichnet hat, ist für ihre Generation viel selbstverständlicher geworden. Vielleicht geschieht mit männlicher Wehrhaftigkeit gerade etwas Ähnliches.

Bei genauerem Hinsehen reicht diese Verschiebung viel weiter zurück.

In der Generation meiner Großeltern konnte ein Mann schon positiv auffallen, wenn er gelegentlich im Haushalt mithalf. Wenn er nach dem Essen den Tisch abräumte, war das erwähnenswert. Von einem guten Familienvater erwartete man vor allem, dass er Verantwortung übernahm, arbeitete und seine Familie versorgte.
In der Generation meiner Eltern war es zunehmend etwas Besonderes, wenn ein Vater sich intensiv mit seinen Kindern beschäftigte. Nicht nur als Versorger, sondern als Vater, der spielte, Ausflüge machte und Anteil an ihrem Leben nahm.

Heute reicht auch das selbstverständlich nicht mehr. Und das ist gut so.
Ich möchte nicht der Vater sein, dessen Verantwortung an der Haustür endet. Ich möchte nicht im Haushalt „helfen“, als wäre der Haushalt eigentlich die Aufgabe meiner Frau. Ich möchte am Leben meiner Kinder Anteil nehmen. Ich möchte wissen, was sie beschäftigt. Ich möchte erreichbar sein, wenn sie mich brauchen.
Es würde mir etwas sehr Wichtiges verloren gehen, wenn ich nicht ein solcher Familienvater wäre – oder zumindest jeden Tag versuchen würde, einer zu sein.
Deshalb taugt diese Beobachtung nicht für die Klage, Männer hätten es heute so schwer. Ich möchte nicht zurück.

Vielleicht ist etwas anderes geschehen. Immer mehr von dem, was früher einen guten Mann ausgezeichnet hätte, gehört heute selbstverständlich dazu, überhaupt ein guter Mann zu sein.

Und neue Erwartungen ersetzen die alten nicht unbedingt. Der Mann soll weiterhin leistungsfähig sein. Er soll Verantwortung übernehmen. Er soll in schwierigen Situationen Sicherheit vermitteln. Gleichzeitig soll er ein präsenter Vater sein, seinen Anteil an Haushalt und Care-Arbeit übernehmen, emotional erreichbar sein, zuhören können, partnerschaftlich handeln und über sich selbst reflektieren. Und möglichst sollte er dabei noch gut aussehen. Trainiert sein wäre ebenfalls schön. Souverän sowieso.
Und wenn es nachts ein merkwürdiges Geräusch im Haus gibt? Nun ja. Dann geht vermutlich immer noch er nach unten.

Man könnte daraus leicht einen jener Texte machen, in denen ein Mann darüber klagt, was die Gesellschaft inzwischen alles von ihm verlangt. Das möchte ich ausdrücklich nicht. Jede dieser Veränderungen halte ich für einen Fortschritt. 
Dass Männer sich um ihre Kinder kümmern, ist ein Gewinn – auch für die Männer. Dass Haushalt nicht mehr selbstverständlich Frauenarbeit ist, ist ein Fortschritt. Dass Männer über Gefühle sprechen dürfen, ohne deshalb ihre Männlichkeit infrage gestellt zu sehen, ebenfalls.

Das Problem liegt überhaupt nicht darin, dass diese Erwartungen falsch wären.
Vielleicht liegt es darin, dass das Erreichte mit jeder Generation zur Selbstverständlichkeit wird. Was gestern noch bemerkenswert war, ist heute der Mindeststandard. Das gilt für den Körper genauso wie für die Vaterschaft.

Mein Training ist nicht weniger wert, weil mein Sohn heute definierter ist als ich.
Meine Beteiligung am Familienleben ist nicht weniger wert, weil ein Vater heute selbstverständlich Windeln wechselt, Elternabende besucht oder die Wäsche macht.

Aber all diese Dinge eignen sich immer weniger als Antwort auf eine ganz andere, vielleicht etwas kindliche Frage: Was ist eigentlich besonders an mir?

Und an dieser Stelle kommt Hutch Mansell zurück. Hutch ist nicht außergewöhnlich, weil er ein besonders guter Familienvater wäre. Auch nicht, weil er arbeitet oder seinen Teil des Alltags erledigt.
All das wird vorausgesetzt. Sein Geheimnis liegt darunter.
Unter dem Hemd des etwas langweilig gewordenen Familienvaters steckt ein Mann, den alle unterschätzt haben. Wenn es darauf ankommt, kann er etwas, das niemand von ihm erwartet hätte.
Und plötzlich sehen ihn die anderen wieder. Vielleicht ist genau das die eigentliche Fantasie.
Nicht: Ich möchte gefährlich sein.
Sondern: Es muss doch noch etwas an mir geben, das außergewöhnlich ist.

Das ist mir unangenehmer, weil ich mich darin durchaus wiedererkenne.
Ich möchte kein Patriarch sein. Ich möchte nicht von jemanden bedient werden. Ich möchte kein distanzierter Vater sein. Ich möchte auch nicht gewalttätig werden.
Und trotzdem merke ich, dass mich die Vorstellung fasziniert, im entscheidenden Augenblick derjenige zu sein, der aufsteht.
Der etwas bemerkt, was andere nicht bemerken. Der nicht erstarrt. Der weiß, was zu tun ist. Der handeln kann.

Vielleicht geht es dabei weniger um Gewalt als um eine Form von Kraft, für die uns die Bilder fehlen.

Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten viel darüber gelernt, welche Formen männlicher Stärke problematisch sind.
Dominanz ist keine Stärke. Aggressivität ist keine Stärke. Emotionale Verschlossenheit ist keine Stärke. Andere kleinzumachen, um sich selbst groß zu fühlen, schon gar nicht.
Das alles halte ich für richtig.

Aber vielleicht haben wir weniger darüber gesprochen, wie eine positive Vorstellung männlicher Kraft aussehen könnte.
Und genau in diese Lücke springen die Actionfilme. Sie liefern eine ausgesprochen primitive, aber emotional wirksame Antwort: Wenn es gefährlich wird, kann dieser Mann handeln.

Vielleicht muss ich diese Sehnsucht gar nicht bekämpfen. Vielleicht muss ich sie nur etwas genauer betrachten. Denn Wehrhaftigkeit bedeutet nicht zwangsläufig, einem Angreifer das Messer aus der Hand schlagen zu können.

Vielleicht zeigt sie sich viel häufiger dort, wo keine Kamera läuft.
Wenn jemand widerspricht, obwohl die Gruppe schweigt.
Wenn jemand eine Grenze setzt, obwohl es bequemer wäre, wegzusehen.
Wenn jemand Verantwortung übernimmt, obwohl er sich dabei nicht sicher fühlt.
Wenn ein Vater bei seinem Kind bleibt, wenn es schwierig wird.
Wenn ein Mensch in einer Krise nicht deshalb ruhig bleibt, weil er keine Angst hat, sondern weil jemand anderes gerade seine Ruhe braucht.
Auch dafür braucht es Entschlossenheit. Sie sieht nur weniger spektakulär aus.

Und trotzdem möchte ich den anderen Wunsch nicht einfach wegmoralisieren. Ich darf Hutch Mansell beeindruckend finden.
Ich darf mir wünschen, stärker, entschlossener und vielleicht sogar wehrhafter zu sein, als ich mich manchmal erlebe. Ein Pazifist muss nicht davon träumen, hilflos zu sein.
Ich sollte mich nur nicht darüber täuschen, dass sich meine eigene Wehrhaftigkeit wahrscheinlich an ganz anderen Orten zeigen wird als in einem Hollywoodfilm.
Und vielleicht ist das am Ende die Form von Stärke, die ich eigentlich suche: Nicht gefährlich sein zu müssen. Nicht ungefährlich sein zu müssen. Sondern darauf vertrauen zu können, dass ich, wenn es wirklich darauf ankommt, nicht wegsehe.